Eine konstruktive und gut funktionierende Lern- und Fehlerkultur ist ein wichtiger Faktor für ein erfolgreiches Unternehmen. Organisationsberaterin Mag. Gabriele Friedinger erklärt in ihrem Gastbeitrag, wie dadurch die Basis für eine kollegiale und leistungsstarke Zusammenarbeit und Innovationsfähigkeit geschaffen und nicht zuletzt auch der wirtschaftliche Erfolg einer Organisation gesichert wird.

Uns allen passieren Fehler, aber wie wir damit umgehen, macht den großen Unterschied

Uns allen sind schon unzählige Fehler passiert und wir haben schon einige Misserfolge erlitten. Diese Erfahrungen sind meistens alles andere als angenehm, aber sie sind ein wichtiger Teil unseres Lernprozesses.

„Ich verliere nie. Entweder gewinne ich oder ich lerne.“ (Nelson Mandela). Wie sehr wir von unseren Fehlern und Misserfolgen lernen, hängt stark von unserer inneren Haltung ab. Erfolgreiche Menschen sind ein Beweis dafür, sie nutzen Misserfolge, um daraus zu lernen und besser zu werden. Stephen Kings Roman „Carrie“ wurde mehr als 30-mal abgelehnt, bevor er veröffentlicht und zum Bestseller wurde. Josef Zotter, der erfolgreiche Schokoladenhersteller, ging mit seinem ersten Geschäft, einer Konditorei, 1996 in Insolvenz.

Eine gute Fehlerkultur wirkt sich positiv auf die Lern- und Innovationsfähigkeit einer Organisation aus

Auch die Haltung, beziehungsweise die gelebte Fehlerkultur im Unternehmen, beeinflusst, wie Mitarbeiter:innen mit Fehlern und Misserfolgen umgehen. Ist die Kultur geprägt von Schuldzuweisungen und Vorwürfen, wenn Fehler passieren, fördert dies meistens ein Klima des Misstrauens. Weiters werden sich Mitarbeiter:innen nicht mehr sicher fühlen, offen über ihre Fehler zu sprechen oder Dinge auszuprobieren, die vielleicht scheitern können.

Werden hingegen Misserfolge und Fehler als Chance gesehen, besser zu werden, fördert dies die Lern- und Innovationsfähigkeit einer Organisation. Denn Lernen heißt auch etwas auszuprobieren, zu reflektieren, mit anderen zu diskutieren und Erfahrung weiterzugeben. Wenn offen über Fehler und Misserfolge gesprochen wird, wird die Grundlage dafür gelegt, sich stetig weiterzuentwickeln und auf ein sich ständig änderndes Umfeld zu reagieren.

Amy Edmondson fand in ihren Studien heraus, dass erfolgreiche Teams ihre Fehler viel häufiger kommunizieren als weniger erfolgreiche. Das lag daran, dass es in erfolgreichen Teams eine Atmosphäre der Offenheit und des Vertrauens gibt. Dies wiederum erleichtert es, offen über Fehler zu berichten, und diese zu diskutieren und dann im Team daraus zu lernen. Dieses Gefühl von Vertrauen und Offenheit bezeichnet Edmondson als psychologische Sicherheit und definiert sie wie folgt:

„Psychologische Sicherheit ist die Überzeugung, dass man Ideen, Fragen, Meinungen vorbringen oder auch Fehler machen darf, ohne persönlich angegriffen bzw. unhöflich oder untergriffig behandelt zu werden.“

Inzwischen haben sich Dutzende Forscher:innen mit dem Phänomen der psychologischen Sicherheit beschäftigt und sind übereinstimmend zu dem Ergebnis gekommen, dass psychologische Sicherheit bessere Leistung und besseres Lernen hervorruft. Auch das Google Forschungsprojekt Aristotle kam zu dem Ergebnis, dass Teameffektivität weniger von den Personen im Team abhing als vielmehr von der Art und Weise, wie sie zusammenarbeiten. Von den 5 wichtigsten Elementen, die dabei identifiziert wurden, hatte die psychologische Sicherheit den größten Einfluss.

Tools und Tipps die eine positive Lern- und Fehlerkultur fördern:

Retrospektiven

Die Retrospektive ist ein Meeting-Format mit dem Ziel, aus der vergangenen Zusammenarbeit zu lernen. Die Teammitglieder schauen in regelmäßigen Abständen gemeinsam zurück und bewerten, was gut und was schlecht gelaufen ist. Sie analysieren, warum Dinge gut liefen oder von Erwartungen abwichen, um so Maßnahmen zur Verbesserung zu formulieren und anzugehen.

Fehler „zelebrieren“

Immer mehr Unternehmen etablieren Formate, wo sie offen über Misserfolge und Fehler sprechen. Bei der Organisation MITRE wird bei einem Stück Kuchen über die Misserfolge geplaudert und der erfolgreiche Schokoladenhersteller Josef Zotter hat einen eigenen Ideenfriedhof für alle Sorten, die es nie ins Regal geschafft haben, geschaffen. Dieses Bewusstmachen hilft Fehler und Misserfolge zu enttabuisieren und sie als Teil der Lernreise wertzuschätzen.

Mit gutem Beispiel vorangehen

Bei der Etablierung und Förderung einer positiven Fehlerkultur haben Führungskräfte eine wichtige Vorbildfunktion. Eigene Fehler offen eingestehen sowie eine wertschätzende Kommunikation und ein lösungsorientiertes Handeln vorzuleben, ermutigt Mitarbeiter:innen Kritik und Fehler einzubringen, ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen.

Gastautorin Mag. Gabriele Friedinger ist Organisationsberaterin, HR und New Work Expertin bei BRAINS AND GAMES. Ihre Schwerpunkte liegen bei neuen Organisationsformen von Arbeit (Selbstorganisation, Partizipation, alternative Entscheidungsmodelle), Agile HR und Transformationen.
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