Kreativität im virtuellen Raum

Digitalisiertes Projektmanagement folgt teilweise neuen Spielregeln. In Teil 4 unserer Serie erklärt Mag. Anton Six, Trainer für Kreativität, wie es auch in virtuellen Projektmeetings gelingt, zu kreativen Ideen zu gelangen.

Die durch Corona notwendig gewordene Nutzung des virtuellen Raumes hat viele von uns zunächst überfordert. Meetings waren nun online zu gestalten. Die Suche nach geeigneten Tools, IT-technische Abklärungen aber auch neue Gepflogenheiten der Diskussion und der Moderation waren nötig. Leidet darunter aber die Kreativität, wenn es darum geht, auch im virtuellen Raum neue Ideen oder spontan eine schnelle Lösung zu finden?

Denken wir an ein kreatives Teammeeting, so haben die meisten von uns Bilder von Menschen im Kopf, die angeregt durcheinanderreden, eine Wand mit bunten Post-its bespicken und wo plötzlich jemand emporschnellt und eine inspirierende Idee auf einem Whiteboard zu Papier bringt. Und wenn es sein muss, dann wird das Meeting schnell unterbrochen und man begibt sich in die Teeküche, wo dann zumeist die besonders gute Idee ganz plötzlich da ist. Teeküchen zählen in Unternehmen zu den sogenannten „dritten Orten“. Dritte Orte sind Plätze, wo sich Menschen aus der alltäglichen Routine zurückziehen, entschleunigen und in einer zwanglosen Atmosphäre mit anderen austauschen können.

Whiteboard und Co.

Widmen wir uns zunächst dem Whiteboard. Im virtuellen Raum war die Arbeit mit einem Whiteboard vorerst, aufgrund des Mangels an geeigneten Anwendungen, nicht gegeben. Heute gibt es eine Reihe von Online-Tools, die diese Vorgehensweise unterstützen. Web- und Videokonferenzplattformen, wie Zoom, Microsoft Teams oder Webex, haben eine dementsprechende Whiteboard-Funktion bereits integriert. Eine Alternative ist eine alleinstehende kollaborative Whiteboardlösung, wie Miro oder Conceptboard. Jedenfalls ermöglichen es heutige Online-Whiteboards, virtuelle Wände ebenso mit Post-its, Formen, Bildern, Symbolen und vielem mehr zu versehen. Worauf die Wahl letztendlich fällt, hängt von den jeweiligen Bedürfnissen ab.

Wenn wir uns nun aber dem Prozess der kreativen Ideenfindung selbst zuwenden, so können wir feststellen, dass die meisten Spielregeln einer kreativen Teamarbeit im virtuellen Raum ebenso gültig sind, wie wir sie im Seminarraum praktizieren. So steht hier bei der Suche nach einer kreativen Lösung ebenfalls zunächst das exakte Briefing der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an erster Stelle. Die konsequente Trennung von Ideengenerierung und Ideenbewertung sowie die Einhaltung von Kommunikationsspielregeln, wie das Vermeiden von Ideenkillern usw., ist wiederum vorrangig Aufgabe der Moderation. Letztlich erfolgen die Ideenbewertung und die Ideenauswahl wie in einem Meeting im Seminarraum. Die meisten Web- und Videokonferenzplattformen bieten hierfür sogar Möglichkeiten der Online-Abstimmung an.

Kreatives Warm-Up im virtuellen Raum

Ebenso lässt sich im virtuellen Raum ein „Warm-Up“ für ein kreatives Teammeeting gestalten. Auch wenn die Möglichkeiten eingeschränkter sind, so gibt es Methoden, die den kreativen Geist genauso in Stimmung bringen. Zu nennen wäre zum Beispiel die Methode „Spitfire“. Spitfire benötigt zunächst einen Teilnehmer oder eine Teilnehmerin, die eine Geschichte zu einem vorgeschlagenen Thema zu erzählen beginnt. Die übrigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Meetings werfen sodann Begriffe ein, wenn möglich über den Chat, die die erzählende Person unmittelbar in die Geschichte einzubauen hat. Je ferner die Begriffe sind, desto amüsanter wird die Geschichte und das kreative Denkpotential aller wird angeregt.

Eine andere Möglichkeit, um ein mittlerweile eingefahrenes Denken zu durchbrechen, sind Breakoutrooms. Diese folgen im Grunde demselben Prinzip wie ein Zusammentreffen in einer Teeküche. Nur der Kaffee oder der Tee kann derzeit virtuell nicht bereitgestellt werden – noch nicht.

Man sieht: Kreativ zu sein im virtuellen Raum ist also nichts Unmögliches. Es erfordert aber die Muse, sich mit der neuen Welt auseinanderzusetzen und schon bei der Gestaltung eines Meetings eben „kreativ“ zu sein.

Gastautor Mag. Anton Six ist Berater, Trainer für Kreativität und mit der Kunst eng verbunden. Die Schwerpunkte seiner Tätigkeiten liegen in den Themen der kreativen Ideenfindung sowie in der Stärkung des kreativen Potenzials von Unternehmen als auch einzelnen Personen.

Teil 1 unserer Reihe erklärt, warum die Bedeutung von Meetings, Leadership und Digitalkompetenz im digitalisierten Projektmanagement gestiegen ist. Teil 2 geht darauf ein, wie sich Projekte und Prozesse im virtuellen Raum sinnvoll ergänzen und Teil 3 befasst sich mit integrierenden Strukturen, die aufgrund von digitaler Dezentralisierung und agiler Selbstorganisation nötig werden.

Bildcredits: © Rymden/Stock.adobe.com