Ist Ihnen schon einmal etwas englisch vorgekommen? Wenn ja, dann sind Sie am richtigen Weg! Wir kennen einander sicherlich recht gut, aber oftmals nicht gut genug. Wir sind einander geografisch so nah, aber kulturell doch so fern – Österreicher/-innen und Briten/-innen. Es gibt kaum mit jemandem so viele Missverständnisse wie mit unserem britischen Gegenüber. Woran liegt das?

Body Talk

Tatsächlich kann vieles bereits schiefgehen, bevor man miteinander die ersten Worte austauscht. Hände schütteln wie bei uns bzw. „Bisous“ austauschen wie in Frankreich ist in Großbritannien ziemlich verpönt. Zwar kann es durchaus vorkommen, dass es (allerdings ausschließlich) beim allerersten Zusammentreffen britischer Geschäftspartner/-innen in sehr förmlichen Situationen zum Händeschütteln kommt und dass sich Londoner Freunde/-innen bei der Begrüßung auf die Wange küssen, aber dennoch stellt dies kein im ganzen Land verbreitetes Verhalten dar. Auch wird uns sehr bald auffallen, dass Briten/-innen nicht wirklich direkten Augenkontakt miteinander haben. In der Tat scheint alles andere eher betrachtet zu werden als das direkte Vis-á-vis. Und sehr schnell wird das in unserer Kultur höfliche Einander-in-die-Augen-Schauen als indiskretes Starren empfunden.

Small Talk

Ist die erste Hürde einmal gemeistert und der richtige Abstand gefunden, während die Blicke scheinbar ziellos umherschweifen, beginnt der vielgerühmte Small Talk. Dabei ist zu bemerken, dass im Englischen auf das „Good morning“, „Good afternoon“ oder „Hi“ gleich ein: „How are you?“ anschließt. Auf diese Frage wird aber keine „ehrliche“ Antwort bezüglich des tatsächlichen Befindens erwartet, sondern ganz einfach die Standardantwort: „Fine, thanks. And you?“ Das mag sehr oberflächlich wirken, gibt aber den britischen Gesprächspartnern/-innen ein bisschen mehr Zeit, um zu sehen, ob ihr jeweiliges Gegenüber auch tatsächlich einige Minuten für ein Gespräch finden kann. Gleichzeitig heißt das aber auch, dass es für Briten/-innen sehr befremdend wäre, wenn wir – wie bei uns üblich – zu lamentieren beginnen und uns sofort über dieses und jenes beschweren. Positiver Small Talk ist also die Zauberformel, die es „erlaubt“, mit Briten/-innen ins Gespräch zu kommen. Dabei ist festzuhalten, dass sich Briten/-innen zwar häufig über sich und ihre eigene Kultur lustig machen, aber keine anderen Kulturen verspotten.

Understatement

Sein Wissen oder seine Expertise offen zur Schau zu stellen, ist auch nicht wirklich das, was unter „Understatement“ verstanden wird. Wir dürfen uns also nicht wundern, wenn wir bei einer Expertenkonferenz von britischer Seite hören: „I don’t know why they invited me here to this conference; I’m only just getting into this topic“ („Ich weiß nicht, wieso ich hier eingeladen worden bin, ich arbeite mich gerade in dieses Thema ein“) – vielmehr wird so eine Einleitung von Briten/-innen als idealer Icebreaker gesehen.

Englisch für Anfänger/-innen

„Yes“ heißt meistens nicht „Ja“. Eine Frage kann durchaus ein ernstgemeinter Befehl sein. Viele von uns haben sicherlich zumindest schon einmal gehört, dass asiatische Kulturen sehr höflich und nicht sehr direkt sind. Umso erstaunter sind wir, wenn wir feststellen müssen, dass auch die britische Kultur in vielerlei Hinsicht nichts mit der unsrigen in puncto Höflichkeit gemeinsam hat. Sobald wir nämlich die englische Grammatik, den Wortschatz und die Aussprache einigermaßen gut erlernt haben, wartet auf uns eine ziemlich große Schwierigkeit oder Herausforderung (wie man heute zu sagen pflegt): der tatsächliche Kulturunterschied. Im Allgemeinen schließt das richtige Kommunizieren in einer Fremdsprache naturgemäß auch die Anwendung der unterschiedlichen Verhaltensmuster ein. Je fehlerfreier wir eine weitere Sprache beherrschen, desto mehr wird von uns erwartet, uns auch so zu benehmen, wie die jeweiligen „Natives“ es tun. Dies ist wahrscheinlich der schwierigste Part des Lernprogramms. Wir müssen nämlich im Englischen nicht nur „zwischen den Zeilen lesen“, sondern auch „zwischen den Zeilen reden“ – also: „Sugarcoat your messages“ – oder salopp gesagt: „Fall nicht mit der Tür ins Haus.“

Having said that, I think that’s as far as we can go today. Thank you very much for your kind attention – it is highly appreciated.

Gastautorin Mag. Karin Ioannou-Naoum-Wokoun ist Kursleiterin für Sprachen am WIFI Wien, Business English Coach und Buchautorin (u.a. English for Professionals, Manz Verlag/Wien).

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