Viele Menschen haben so sehr Angst davor, Fehler zu machen oder zu scheitern, dass sie sich selbst blockieren, sei es im Berufsleben oder im privaten Bereich. Dabei ist es ganz einfach: Ob man will oder nicht, Fehler passieren. Sie gehören zu unserem Alltag. Was es braucht, ist ein konstruktiver Umgang mit Fehlern, um nachhaltig Verbesserungen zu erzielen.

Kennen Sie die Erfolgsgeschichte des Post-it? Wobei das Wort „Erfolgsgeschichte“ dem Erfinder des Post-it, Spencer Silver, im Jahre 1968 alles andere als ein Lächeln entlockt hätte. Sein Ziel war es nämlich, für sein Unternehmen einen Klebstoff zu entwickeln, der stärker ist als alle anderen Klebstoffe. Tatsache war allerdings, dass er sehr viel Zeit und Arbeit in einen Klebstoff gesteckt hatte, der am Ende alles andere als kraftvoll war. Silver verbuchte seinen entwickelten Klebstoff als schlimmen Misserfolg. Sechs Jahre später dann die große Wende. Ein Kollege Silvers stand vor dem Problem, dass ihm beim Singen ständig die Lesezeichen aus dem Liederbuch fielen. Er erinnerte sich an den leicht haftenden Kleber und „Tata!“: Das Post-it war geboren.

„Fehler sind nichts anderes als Zwischenergebnisse“, weiß Fehlerkultur-Spezialistin Elke M. Schüttelkopf. „Sie sagen uns, dass etwas noch nicht funktioniert, noch nicht richtig ist. Es ist ein Fehler, sie als Endergebnisse zu sehen und resigniert die Hände in den Schoß zu legen. Wir sollten sie als Feedback in einem Lernprozess betrachten. Und mit den gewonnenen Erkenntnissen weitermachen.“

Das Beste aus Fehlern machen

Fehler werden oft als Makel erlebt und mit Versagen gleichgesetzt. Allzugern werden sie unter den Teppich gekehrt. Fehler erschüttern unser Selbstbild und kratzen an unserem Ego. Und „schuld sein“ möchte man schon gar nicht. Schlecht fürs Unternehmen, denn es gilt: Kleine Fehler kosten wenig Geld, große Fehler kosten viel Geld. Und: Je später ein Fehler erkannt wird, desto höher sind die Kosten.

Ein konstruktiver Umgang mit Fehlern erweist sich daher für Unternehmen als große Chance. Denn ob man will oder nicht: Fehler passieren. Sie lassen sich nicht verbieten. „Es ist wichtig, Fehler als Fakt zu akzeptieren und gerade in sicherheitskritischen Bereichen jeden Fehler offen zu handhaben, eine gute Fehlerkultur und ein gutes Fehlermanagement zu etablieren“, so Schüttelkopf. „Nur so kann man sicherstellen, dass Fehler kontinuierlich reduziert werden und – wenn sie schon passieren – keine gravierenden Folgen nach sich ziehen.“ Doch wie führt man in einem Unternehmen eine konstruktive Fehlerkultur ein? „Es braucht klare und verbindliche Regeln und Verhaltensweisen, auf die sich jedes Unternehmensmitglied verlassen kann“, so die Expertin. Das Credo lautet:

Weg von der Blame Culture hin zu einer positiven Fehlerkultur

Wichtig bei der Implementierung einer konstruktiven Fehlerkultur ist, dass nicht nach Schuldigen gesucht wird, sondern nach den Ursachen. Die Frage beim Auftreten eines Fehlers lautet also nicht: „Wer hat das gemacht?“, sondern „Wie ist der Fehler passiert? Was sind die Ursachen?“ In einer positiven Fehlerkultur gibt es weder Richter noch Schuldige. Ziel ist es, eine Verbesserung zu erwirken, Lösungen zu finden und die Wiederholung des Fehlers zu verhindern.

Untergriffige Bemerkungen und Vorwürfe, wenn ein Fehler gemacht bzw. gemeldet wird, haben in einer konstruktiven Fehlerkultur keinen Raum. Respektvoller Umgang und Wertschätzung werden großgeschrieben. Es ist wichtig, dass offen und ruhig über Fehler gesprochen wird. „Nicht Schuldige suchen, sondern Ursachen! Nicht den/die Mitarbeiter/-in bekämpfen, sondern den Fehler!“, postuliert Schüttelkopf.

Fehler als Chance für konstruktive Bewegung

Der Nutzen für Unternehmen, die Fehler als Chance begreifen und eine konstruktive Fehlerkultur pflegen, zeigt sich in vielerlei Hinsicht. So schafft ein hohes Fehlerbewusstsein einen klaren Blick für Unfallrisiken und Arbeitsunfälle können vermieden werden. Da Fehler rasch erkannt, aufgezeigt und bearbeitet werden, hat das auch einen großen Einfluss auf die Qualität von Produkten bzw. Dienstleistungen. Nicht nur Mitarbeiter/-innen, Führungskräfte und Management profitieren, sondern auch Kunden/-innen.

Doch: Wenn Mitarbeiter/-innen nun keine Angst mehr davor haben müssen, Fehler zu machen – birgt das nicht die Gefahr, dass sie mehr Fehler machen und somit dem Unternehmen schaden? Dazu Schüttelkopf: „Angst paralysiert nur. Angst bindet Energien. Wir brauchen die Energie, um aus Fehlern zu lernen, um besser zu werden. Wer Angst vorm Stolpern hat, wird nie gehen lernen. Wer Angst vor Fehlern hat, bleibt stehen und blockiert die eigene Weiterentwicklung.“ Eine Differenzierung ist allerdings nötig: „Eine konstruktive Fehlerkultur zu leben, bedeutet für ein Unternehmen jedoch nicht, dass mangelnde Sorgfalt und ein geringes Qualitätsbewusstsein akzeptiert werden“, so die Expertin weiter.

Nicht ärgern, nach vorne schauen

Bleibt die Frage: Was kann man tun, wenn man sich über einen eigenen Fehler ärgert? „Es bringt nichts, sich selbst zu geißeln und Vorwürfe zu machen. Auf keinen Fall abwerten. Das darf man keinem anderen antun und auch nicht sich selbst. Den Blick nach vorne richten, auf die Lösung, auf Verbesserungen. Dazu gehört: Fehler erkennen, die Ursachen ergründen, Verbesserungen entwickeln und die Fehlererkenntnisse weitergeben, damit auch andere aus dem Schaden klug werden.“

Mag. Elke M. Schüttelkopf, MSc MBA, Management-Trainerin und Unternehmensberaterin, hat sich durch ihre langjährigen Praxiserfahrungen und Forschungsarbeiten über Fehlerkultur im deutschsprachigen Raum als Fehlerkultur-Spezialistin etabliert. www.fehlerkultur.com

 

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