Die Trainerin und Beraterin Ingrid Kösten begleitet vorwiegend Frauen in Karriereentwicklungsprozessen. Wo wir ansetzen können, um sowohl männliche als auch weibliche Rollenkorsetts abzulegen, erfahren Sie im Interview mit der Expertin.

WIFI Wien: Unterschiede in Ausbildung, Kompetenzen und Leistung zwischen Männern und Frauen gibt es keine mehr. Und doch sind relevante Entscheidungspositionen immer noch überwiegend männlich besetzt. Wo liegen die Unterschiede zwischen Mann und Frau im Arbeitskontext?

Kösten: „DEN Mann oder DIE Frau gibt es nicht. Es existiert ein breites Spektrum unterschiedlicher Persönlichkeiten aus unterschiedlichen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen, Hintergründen, Kulturen etc. Weder Frauen noch Männer lassen sich gerne in eine Schublade stecken. Dennoch: Wir hören immer wieder Aussprüche wie ‚Typisch Mann‘ oder ‚Typisch Frau!‘ Und es gibt auch zahlreiche Studien, die in einzelnen Bereichen einen Unterschied festmachen konnten – sei das im Kommunikationsstil, in den Denkprozessen oder der Beziehungsgestaltung. All das beeinflusst selbstverständlich unser Leben und Erleben bei der Arbeit.“

WIFI Wien: Worauf sind diese „Unterschiede“ zurückzuführen?

Kösten: „Meist verbirgt sich hinter diesen Ausrufen eine Welt von Vorurteilen und Klischees über das ‚typisch Männliche‘ und das ‚typisch Weibliche‘. Jeder Mensch sieht sich in unserer Gesellschaft aufgrund seines Geschlechts mit einer bestimmten Rollenerwartung und damit einer bestimmten Stereotypisierung konfrontiert. Demnach wurden Frauen eher zum Passiven sozialisiert und das wurde mit Schwäche gleichgesetzt. Männer hingegen eher zum Aktiven, was häufig mit Stärke, Beschützer usw. gleichgesetzt wird. In wissenschaftlichen Forschungsarbeiten, die sich mit dieser Thematik beschäftigen, ist ‚Gender‘ ein zentraler Begriff. Der Genderansatz geht davon aus, dass die männliche oder weibliche Identität durch die Sozialisation, durch Erfahrungen, Vorbilder, Werte- und Normvorstellungen konstruiert wird.“

WIFI Wien: Woran erkennt man diese Unterschiede und was kann trainiert werden?

Kösten: „Aufgrund der unterschiedlichen Sozialisierung kommunizieren Männer anders als Frauen. Tendenziell sind viele Männer eher sach- bzw. status- und ergebnisorientiert, viele Frauen eher beziehungsorientiert, sie verwenden häufig indirekte Sprachmuster. Sympathie hat dabei einen hohen Stellenwert. Jedoch: Sie kommunizieren nicht anders, weil sie qua Geschlecht weiblich oder männlich sind, sondern weil Sie es so gelernt haben. Das kann mitunter am Arbeitsplatz in der Kommunikation zu Missverständnissen führen. In der Geschäftssprache werden die direkten Sprachmuster (der sogenannte männliche Code) bevorzugt. Hierbei geht es darum, präzise zu sagen, was wer von wem in welcher Art und Weise bis wann will. In der Kundenbetreuung, in der Teamentwicklung oder in Konfliktgesprächen ist indirektes, empathisches Sprachverhalten (der so genannte weibliche Code) angebracht und zielführend. Beide Gesprächsstile haben ihre Stärken und sind von Frauen UND Männern gleichermaßen zu verwenden.“

WIFI Wien: Heißt das nun, dass Frauen sich mehr „Männliches“ aneignen sollten?

Kösten: „Nein, jedoch sollten sie ihre Code-switching-Fähigkeiten erweitern. Es gilt also situationsbedingt jenen Sprach-Code zu beherrschen, der mit Klarheit und Eindeutigkeit das vermittelt, was vermittelt werden soll. Das Beherrschen beider Gesprächsstile führt zu mehr Verständnis und zu weniger Konflikten am Arbeitsplatz. Das heißt aber nicht, dass Frauen versuchen sollten, männliche Verhaltensweisen zu kopieren (oder Männer weibliche), sondern es geht lediglich darum, das eigene sprachliche Repertoire zu erweitern, um möglichst effizient, der Situation angepasst, im Team zu arbeiten. Wesentlich ist vielmehr, gelernte stereotype Verhaltensweisen zu verlernen und die eigene persönliche Stärke für das Teamziel einzusetzen.“

WIFI Wien: Sie haben 6 Lernfelder identifiziert, welche?

Kösten: „Die 6 Punkte (BIG SIX), die wir in diesem Seminar bearbeiten, sind Themen, die besonders häufig von Frauen als Stolpersteine auf ihren Karrierewegen genannt wurden. Deshalb habe ich sie zu einem kompakten Themenblock zusammengefasst:

  1. Selbstbewusst und souverän auftreten
  2. Sich kommunikativ behaupten und durchsetzen
  3. Den richtigen Code wählen
  4. Sich freundlich und bestimmt abgrenzen
  5. Netzwerke aufbauen und nützen
  6. Den Mut zum Erfolg entwickeln

WIFI Wien: Es tut sich ja schon viel, warum finden wir immer noch so ein Ungleichgewicht vor?

Kösten: „Trotz des Fortschritts haben Frauen immer noch wenige weibliche Role Models, vor allem in führenden Positionen. Rollenmuster sind zäh: Auch wenn junge Frauen heute oft nicht mehr entlang der ‚klassischen weiblichen Erziehungsmuster‘ sozialisiert werden, gilt es doch zu bedenken, dass Geschlechts-Stereotypen nicht innerhalb einer Generation überwunden sind. Noch immer weisen Frauen Reste alter Glaubenssätze auf wie: ‚Bleib immer bescheiden, verlang nicht zu viel …‘“.

WIFI Wien: Was ist eine gute Trainingsstrategie?

Kösten: „Ich setze auf reine Frauengruppen. Denn die Dynamik eines gemischten Seminars ist eine ganz andere als in einer geschlechtlich homogenen Gruppe. Nur allzu oft werden in heterogenen Gruppen die klassischen Rollenbilder widergespiegelt und somit verfestigt. Üben Sie in kleinen Versuchsfeldern in Ihrem konkreten Umfeld, experimentieren Sie und holen Sie sich ehrliches wertschätzendes Feedback. Ich empfehle eine Politik der kleinen Schritte, um nicht gleich beim Vorgesetzten zu starten.“

Bildcredits: (c) Shutterstock. (c) Bernardette Reiter (Portrait)