Wer die Fähigkeit besitzt, für eine Sache zu brennen, kann auch ausbrennen. Psychische Belastung nimmt rasant zu, jeder kann betroffen sein. Lesen Sie, welche Anzeichen es gibt und was aus dem Burn-out-Kreislauf raushilft.

Die Zahl der von psychischer Belastung Betroffenen steigt. Die Folge: Erkrankungen und Folgeerscheinungen, Arbeitsausfälle, steigende Kosten in Betrieben und im Gesundheitssystem nehmen zu. „Daraus resultierende Krankenstandstage haben sich in den letzten 3 Jahren verdreifacht und sind bereits zu fast 32,5 % Grund für Pensionierungen wegen geminderter Arbeitsfähigkeit. Die Gesundheitsagentur der EU spricht von 240 Mrd. Euro Gesamtkosten jährlich in Europa“, weiß Mag. Gerda Ruppi-Lang (Sprecherin Arbeitskreis Betriebliches Gesundheitsmanagement der Fachgruppe UBIT Wien und Leiterin der Ausbildung zum/zur betrieblichen Gesundheitsmanager/-in – WIFI Wien). Experten/Expertinnen vermuten bis zum Jahr 2030 eine Verdoppelung der durch psychische Erkrankungen bedingten Kosten weltweit.

Erschöpfung reift langsam heran

Burn-out selbst ist noch keine Erkrankung, sondern der „salonfähigere“ Begriff für totale Erschöpfung, die in Phasen verläuft und nicht selten in einer Depression endet. In der psychosozialen Beratung gibt es verschiedene Modelle, die erkennen lassen, wie weit die Erschöpfung fortgeschritten ist. Demnach können mit Hilfe von Profis die nächsten Schritte gesetzt werden – präventiv oder als Intervention. Die Modelle gehen unterschiedlich auf Arbeitskontext, Privatleben und Beziehungen sowie individuelle Persönlichkeitsmerkmale ein. Der Verlauf ist nicht immer chronologisch und nicht jeder durchläuft alle Stufen. Fakt ist: Burn-out kommt nicht über Nacht. Meist kommt es zum Zusammenbruch, wenn die Balance auf mehreren Ebenen des subjektiven Erlebens bedroht ist. „Belastende Arbeitssituationen gepaart mit überfordernden Lebenssituationen führen bei fehlender Widerstandskraft zu Erschöpfungszuständen – das Hamsterrad ist nicht aufzuhalten“, erklärt Ruppi-Lang.

Was Erschöpfung begünstigt

Faktoren, die den Trend zur totalen Erschöpfung begünstigen, sind u.a. das zunehmende Tempo, ständige Verfügbarkeit, Reizüberflutung, Mobbing und Konflikte. Neben tatsächlichem Arbeitspensum und Druck spielen auch persönliche Einstellungen und die Art, wie wir kommunizieren und Beziehungen gestalten wie auch neurobiologische Gründe eine Rolle. Unsere gegensätzlichen Grundbedürfnisse nach einem autonomen selbstbestimmten Leben und gleichzeitig dem starken Streben nach Verbundenheit und Zugehörigkeit zu anderen bringen uns ständig in Bedrängnis. Merkmale wie Perfektionismus, Leistungsgetriebenheit, starke Fremdbestimmung und die Unfähigkeit, Konflikte auszutragen, sind nicht zuträglich für einen Lebensstil, der darauf gerichtet ist, sich abzugrenzen und auf die eigene Balance in allen Lebensbereichen zu achten. „Es gibt eine Verlagerung hin zu immer höherer Leistungsbereitschaft jedes Einzelnen, aus Angst vor Jobverlust und durch den Trend zu mehr Wettbewerb“, so Ruppi-Lang. Selbst im Freizeitverhalten würden viele noch dem Leistungsdruck unterliegen, z.B. im Sport, und daher nicht zur Ruhe kommen.

Anzeichen erkennen

Es gibt jede Menge Anzeichen für ein voranschreitendes Burn-out wie starke Müdigkeit, Sensibilität oder sozialer Rückzug. „Je früher sie erkannt werden, desto besser die nachhaltige Erholung“, weiß Ruppi-Lang. Die Folge der langfristigen Negierung sind neben psychischen Leiden auch psychosomatische Beschwerden bis hin zu chronischen Schmerzen. Symptome, an denen man ein Burn-out auch erkennen kann, sind u.a. Herzrasen, Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen, Panikattacken oder Tinnitus oder zunehmender Zynismus.

Was jeder selbst und Betriebe tun können

Für den Arbeitgeber bedeutet die Zunahme von Burn-out sinkende Produktivität, lange Krankenstände, Know-how-Verlust und hohe Kosten. Andere Mitarbeiter/-innen müssen den Ausfall der Kollegen/-innen kompensieren. Wer langsam ausbrennt, kann nicht kreativ und lösungsorientiert denken – das bremst die Dynamik in Teams. „Wenn betriebliches Gesundheitsmanagement ernst genommen wird, fließt eine gesundheitsförderliche Haltung in alle strategischen Prozesse, die Planung, den betrieblichen Alltag mit ein – Arbeitszufriedenheit, Motivation und Innovationsgeist steigen, Fehlerund Ausfallsquoten sinken, Produktivität nimmt zu“, erklärt Gerda Ruppi-Lang. Gefragt sind beide Seiten. Eine gute Anlaufstelle für Betriebe und Betroffene ist u.a. Fit2work – www.fit2work.at, dort bekommen Arbeitnehmer/-innen und Betriebe bei gesundheitlichen Themen Unterstützung. Auch die Broschüre der WKÖ „Burn On statt Burn Out“ bietet erste Hilfestellung. Jede/-r Mitarbeiter/-in kann mehr auf sich selbst achten und lernen, rechtzeitig gegenzusteuern, sich Pausen gönnen und für Ausgleich sorgen (wenn noch kein fortgeschrittenes Stadium erreicht ist, raten Experten/Expertinnen zu etwas, das richtig Spaß macht und neue Einflüsse zulässt wie z.B. Singen, Tanzen, Theaterspielen, Handwerken, Laufen), aber auch alles, was uns zur Ruhe bringt, kann helfen, wie Meditation, ein Waldspaziergang, autogenes Training.

Ab einem Punkt geht es nur mehr mit Hilfe von außen

Lange wird von Betroffenen versucht, die Probleme zu verheimlichen, bis das Kartenhaus zusammenbricht und nichts mehr geht. Wird Burn-out erst in einem späteren Stadium erkannt, geht es oft nur mehr mit Hilfe von außen. Gehirnforscher meinen, dass der Zugang zur eigenen Körperwahrnehmung durch den psychischen Schmerz (wirkt laut neurobiologischen Erkenntnissen im Gehirn auf gleiche Weise wie physischer Schmerz) verblendet ist. Wer also im Arbeitskontext für ein möglichst gesundes Umfeld sorgen möchte, sollte bei Kollegen/-innen und Mitarbeitern/-innen auf Verhaltensänderungen achten und ernst gemeinte Hilfestellung anbieten. Ruppi-Lang: „Strategien auf betrieblicher Ebene sind u.a. die Erhöhung der Mitbestimmungsmöglichkeit für Mitarbeiter/-innen und Miteinbeziehung in Prozesse, soziale Unterstützung geben, Transparenz herstellen oder als Chef/-in ein Vorbild in Sachen Work-Life-Balance sein sowie Anerkennung schenken.“ Auf individueller Ebene solle man delegieren und Nein-Sagen lernen und um Hilfe bitten lernen.


Diplomlehrgang: Ausbildung zum/zur Betrieblichen Gesundheitsmanager/-in

Jobcoaching: Spezielle Fragestellungen sowie Work-Life-Balance und Burn-out als Thema können Sie beim Jobcoaching der WIFI Wien-Bildungsberatung gemeinsam mit Psychologen/-innen besprechen. Info: www.wifiwien.at/bildungsberatung

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